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Tauchen

Der Besuch (bei) der alten Dame

Ganz ruhig liegt sie da, eingebettet zwischen Felsen. Täglich kommen viele Menschen vorbei, um Hallo zu sagen, sie zu bestaunen und zu photographieren. Auch ich reihe mich ein in die zahllose Schaar der Besucher und bin ebenfalls fasziniert.

Ihre dramatische Geschichte ist schnell erzählt. Am 14.02.1944 während eines Einsatzes vom US-Stützpunkt Foggia in Italien kommend und nach Verona fliegend, um dort strategisch wichtige Eisenbahnverbindungen zu unterbrechen, wird die B-17 mit ihrem Verband von mehreren Me-109 Jägern angegriffen und beschädigt. Drei der zehn Besatzungsmitglieder sterben bei dieser Attacke und mindestens ein Me-109 Pilot. Dem Piloten 2nd. Lt. Franck G. Chaplick gelingt das Ausweichen und die Notwasserung vor der Hafenstadt Calvi auf Korsika. Im Angesicht der korsischen Festung endet der tragische Flug. Während der Wasserung fliegt der Pilot mit der Maschine direkt auf die Zitadelle der Stadt zu und setzt sie kurz davor auf die Wasseroberfläche auf. Chaplick und die überlebenden Besatzungsmitglieder werden daraufhin gerettet. Die B-17G der 97. US-Bomber-Staffel versinkt jedoch im Meer.
Heute sind ihre Überreste – Kanzel, Funkraum und Tragflächen mit 32 m Spannweite – das am meisten umworbene Wrack der Insel.

Frontansicht des Wracks

Frontansicht der B-17 mit Blick auf das Cockpit

Rechter Flügel der B-17

Beeindruckend, nach fast 70 Jahren hebt sich das Flügelende noch vom Meeresboden ab.

Die Tauchgänge vor Calvi sind meine ersten im Meer überhaupt und dieses Jahr ist es endlich soweit. In einem Boot von E.P.I.C.-Plongée – einer der zahlreichen örtlichen Tauchschulen – fahre ich in einer Gruppe um die Festung aus der Bucht heraus. Das Wetter ist gut und die Sicht hervorragend. Ein erster Tauchgang am Vortag hat mich mit den örtlichen Gegebenheiten und den freundlichen Tauchern von E.P.I.C. vertraut gemacht, die umgekehrt auch mich und meine Fähigkeiten genau unter die Lupe nahmen, bevor sie mir die einmalige Erlaubnis erteilten unter 20 m zu tauchen. Meine nun zweite Rolle rückwärts von unserem Schlauchboot befördert mich in das klare Wasser vor der Festungsstadt. Nach den Tauchgängen in wenigen deutschen Seen ist der Abstieg in das große Blau mit mehr als 20 m Sichtweite problemlos. Darauf hatten mich meine Tauchlehrer beim Tauchclub Dreieich während des intensiven Trainings auch schon hingewiesen.

Annäherung an das Wrack Nach kurzem Check auf 3 m geht es mit meinem Tauchbuddy Victor aus Spanien allmählich tiefer hinab, bis im dunklen Blau unter uns einige Umrisse sichtbar werden. Es ist ein wirklich spannender Moment das Wrack zum ersten Mal mit eigenen Augen zu sehen und sich ihm bewusst zu nähern.
Aufsteigende Luftsäulen kündigen an, dass eine andere Tauchergruppe bereits bei dem Wrack angekommen ist. Mit Victor ist abgesprochen, dass wir über dem Wrack mit Sichtkontakt frei tauchen, ansonsten dicht beisammen bleiben. Berührungen des Wracks sind natürlich tabu.

Beim Näherkommen erkenne ich deutlich die abgerissene Front und die Pilotenkanzel. Ich bin erstaunt, wie gut das Wrack erhalten ist, obwohl bereits mehrere Teile abmontiert wurden.B-17 Steuerbordseite Erst beim zweiten Hinschauen wird mir wieder bewusst, dass der komplette Rumpf hinter den Tragflächen und das Leitwerk fehlen. Bis jetzt habe ich nicht herausgefunden, ob man diese Teile überhaupt noch entdeckt hat. Beeindruckend sind auch eine Menge Details, auf die mich u.a. mein erfahrener Tauchpartner hinweist. Das noch eingefahrene Rad lässt sich im Gehäuse des ersten Backbordmotors sehen. Der Reifen ist deutlich am Profil zu erkennen. Ein Blick in den Geschützturm und das Cockpit der Maschine zeigen, dass bereits mehrere Teile entwendet wurden. Trotzdem hat das Wrack an Sehenswürdigkeit nicht eingebüßt. Das liegt u.a. an den noch vorhandenen Propellerblättern und der in das Meer ragenden Tragfläche auf der Steuerbordseite, die einen vergessen lassen, dass das Flugzeug nun schon seit fast 70 Jahren auf dem Grund liegt. Aber auch an den guten Tauchbedingungen, die das Objekt für viele Tauchtouristen zugänglich machen. An Tauchschulen mangelt es in Calvi wirklich nicht.

Reifen des eingefahrenen Rades Backbordseite Blick vom Geschützturm ins Cockpit Geschützurm über der Kanzel Steuerbordmotor
Steuerbordseite mit aufgewirbeltem Sand Funkraum von der Backbordseite aus Blick vom abgerissenen Heck durch den Funkraum auf die Steuerung Blick auf den Funkraum Steuerbordseite achtern
Muräne im Flugzeug

Neues Leben im Wrack, eine Muräne versteckt sich unter der algenbewachsenen Oberfläche.

Beim Annähern an den Rumpf hilft mir das häufige Üben des Austarierens im Tauchverein zuhause. Ein zu rasches Absinken und Korrigieren mit den Flossen erzeugt unweigerlich das Aufwirbeln von Sand und kleiner Partikel. Nicht nur wird die Sicht getrübt, auch für das Wrack selbst sind solche Annäherungen nicht zuträglich.
Immer wieder streifen wir über die Flugzeugreste und entdecken neue Kleinigkeiten. Als ich eine versteckte Muräne in den Verstrebungen des Funkraumes sehe, freue ich mich wie ein Kind und winke meinem Tauchpartner zu, der sich davon wenig beeindruckt zeigt. Er war schließlich schon häufig hier unten. Mit deutlichen Gesten wird uns schließlich das Sammeln und allmähliche Auftauchen signalisiert. Wir entfernen uns von dem großen Flugzeugtorso und ziehen gemeinsam über den Flügel hinweg in Richtung Küste und zu höher gelegenen Felsen hin. Damit neigt sich der für mich bisher aufregendste Tauchgang seinem Ende zu. In der kurzen Zeit, die wir unter Wasser verbrachten, habe ich mir einen echten Wunsch erfüllt und konnte sogar einige Momente mit der Kamera festhalten. Das einmalige Staunen lässt sich natürlich nicht konservieren, doch die guten Eindrücke dieses Ausfluges in „das große Blau“ und zur alten Dame von Calvi behalte ich bei mir. Auch ein paar wichtige Lektionen, nämlich die Organisation einer guten Tauchbasis wertzuschätzen und die Absicht das Tarieren schließlich zu perfektionieren.

Rechte Tragfläche der B-17Der Auftauchvorgang ist von unserer Tauchschule bequem und kurzweilig gestaltet. Wir steigen langsam die Felsen höher entlang und verweilen die Spalten nach Fischen absuchend mehrere Minuten zwischen 4-5 m Tiefe. Danach schweben wir gemeinsam und ganz langsam zur Wasseroberfläche neben das Boot, wo wir schon erwartet werden. Aufmerksam wird unser „Alles o.k.“ Signal registriert. Dann steigen wir nach einander wieder ins Boot und tauschen unsere Eindrücke aus. Ich bin begeistert und weiß gar nicht, wie ich den Augenblick des ersten Erkennens der Maschine auf Französisch beschreiben soll. Vokabeln wie formidable und magnifique schwirren mir durch den Kopf. Schließlich kommen die ersten Sätze aus mir heraus und Victor nickt mir grinsend zu. Die französischen Kollegen lesen ihre Tauchcomputer aus: 27,6 m Tiefe, 17°C und 40 min Dauer. Das Boot setzt sich in Bewegung zum Hafen und mit einem Blick auf die sonnenbeschienene Zitadelle von Calvi wird mir klar, dass es vorbei ist. Während das Boot die Festung gemütlich umrundet, zieht eine Möwe über uns hinweg. Ich kann es einfach nicht fassen, wie schnell 40 min vergehen können. Dieser Tauchgang wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Der Tauchgang fand am 06.07.2012 mit der Tauchschule E.P.I.C.-Plongée statt. Die Aufnahmen wurden mit einer Canon D10 Unterwasserkamera gemacht.

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Über Thorsten Gross

Lehrer für Philosophie, Ethik, Evang. Religion und Erdkunde, Linux-Admin, Mac-User. Stets im Bemühen OpenSource an der Schule einzubringen und zu verankern.

Diskussionen

2 Gedanken zu “Der Besuch (bei) der alten Dame

  1. Hallo Thorsten,

    freut mich, dass das mit dem Tauchen geklappt hat. Jetzt weißt Du ja auch, warum es sich lohnt, hier in kalten dunklen Tümpeln rumzuschippern…

    Ab August werde ich auch wieder tauchen gehen. Vielleicht hast Du Lust.

    Gruß
    Ingo

    Verfasst von Ingo | Juli 23, 2012, 12:41 pm
    • Hallo Ingo,

      da bin ich ganz deiner Meinung. Übung macht eben den Meister. Es ist toll, wenn man sein erlerntes und eingeübtes Wissen derart konkret anwenden kann.
      Gib mal die Termine durch, im August bin ich zwar schon etwas eingedeckt, für ein oder zweimal Abtauchen ist bestimmt Platz.

      Bis dann

      Gruß
      Thorsten

      Verfasst von Thorsten Gross | Juli 25, 2012, 11:53 am

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