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Bildung

Freiheit in der Zwangsanstalt

BarCamp in der Schule: nicht nur möglich sondern sinnvoll!

Vorstellung im PlenumFeedbackrunde am Samstagnachmittag: „Machen Sie doch mehr Werbung für das AbiCamp, dann erfahren noch mehr von der ‚Revolution‘.“ Es ist schon beeindruckend, was die Schüler so von sich geben und ich bin erfreut und erstaunt zugleich. Endlich, so heißt es am Ende des BarCamps, konnte man über das reden, wofür sonst keine Zeit bleibt. Die Begegnung in Gemeinschaft und menschlicher Nähe von Schülern und Lehrkräften wird mehrfach betont. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Die Offenheit und freie Themenwahl kommen gut an; etwas mehr Freiheit und Selbstorganisation finden Wertschätzung. Mein Fazit ist entsprechend klar: All die Mühe, die Zusatzarbeit, die Acquise von Hilfskräften, der Zeitaufwand haben sich mehr als gelohnt. Das zweite BarCamp – nun mit dem Themenbereich Oberstufe und Abitur – war ein voller Erfolg. Dabei haben sich viel mehr angemeldet als letztlich erschienen sind. AbiCamp - Diskurs„Wenn wir vorher gewusst hätten, was ein BarCamp ist, dann hätten wir mehr Mitschüler motiviert noch zu kommen.“ Ich betone meine Freude über die Anwesenden, die das AbiCamp zum Leben erfüllten. Einen Verweis zum Höhlengleichnis kann ich mir nicht verkneifen. Immer wieder wurde ich gefragt: „Du machst ein BarCamp? Was ist das denn?“ Und ich bin in der bekannten Situation etwas zu erklären, was andere noch nicht kennen oder erfahren haben. Im ersten Plenum warf ich als Demonstration eine Brausetablette in ein Glas Wasser. Ein BarCamp – so meine Projektion – ist ein konstruierter Ort in Raum und Zeit – vergleichbar einer Art Aquarium, in das 50-100 „Wissensbrausetabletten“ freiwillig einsteigen und einfach schauen, was anschließend passiert.

Zeitsprung einen Tag zurück: Freitagnachmittag. Die Zeugnisse sind ausgeteilt. Alle strömen in das wohlverdiente Wochenende. Doch die hartnäckigen Helfer des Orga-Teams bleiben hier. Kabel werden verlegt, zuvor konfigurierte Access-Points in Klassenräumen angeschlossen, Schilder ausgehängt. „Ja, das hier ist Sessionraum 1, rechts dahinten ist das 4 und 5.“ Das Orga-Team funktioniert wie ein Hochleistungsmotor. Jeder ist mit Ernst und Freude bei der Sache.

Das Opening-Event am Freitagabend erhält einen musikalischen Rahmen durch die Schulband und den Schüler-DJ „Zipf“. Danach sitzen Lehrkräfte und Oberstufenschüler in geselliger Runde und diskutieren über mögliche Veränderungen in der Schulkultur und das BarCamp am folgenden Tag. Wir sitzen bis in den späten Abend und die Schüler erläutern uns was sie an der Schule vermissen. Ernste Gespräche und konzentrierte Aufmerksamkeit in lockerer Atmosphäre. Einige Schüler übernachten in der Schule und setzen das Camp-Motto des BarCamps mit einem Zelt in die Tat um.

Der nächste Tag beginnt mit einem auserlesenen Frühstücksbuffet und den ersten Diskussionen in der Schulmensa bei Brötchen und Kaffee. Danach folgt eine Vorstellung der Teilnehmer im Plenum und im Anschluss eine Ermittlung des Sessionplans mit den vorliegenden Interessenthemen. Lehrkräfte, Medienpädagogen, ein Tauchlehrer und ehemalige Schüler/innen bieten Erfahrungen und Wissensaustausch an. Ohne Probleme sind mehr als ein Dutzend Sessioneinträge in der Tabelle, der Tagesplan bis 16:00 Uhr ist schnell gefüllt.

Sessionplan des AbiCamp 2013

Die Spanne der Themen reicht vom Handyeinsatz in der Schule, der (Un-)Sicherheit Sozialer Netzwerke über Abiturvorbereitungen bis hin zu Rhetorik. Das Oberstufenthema der Kurswahl wird gleich zweimal angeboten – einmal aus Sicht der Schulleitung und ein weiteres Mal als Reflexion ehemaliger Schüler/innen. Diese Kombination wird später als sehr hilfreich hervorgehoben. Eine Session beschäftigt sich mit Kooperationsmöglichkeiten einer Tauchschule mit Bildungseinrichtungen, in einer weiteren erläutert ein Abiturient die Rahmenbedingungen seiner besonderen Lernleistung. Eine ehemalige Schülerin berichtet über ihren Berufseinstieg und ihre Erfahrungen im Ausland. „Wer hat dafür Interesse?“ Die Arme gehen in die Höhe. Alle vorgeschlagenen Sessions finden statt. Einige wurden bereits im Vorfeld auf der Plattform http://rhscamp.mixxt.de im Forum der Themenwünsche angekündigt. Nach einer kurzen Einführung in die Kombination Twitter und Openetherpad zur Dokumentation der Sitzungsinhalte endet das Plenum.

SessionDann geht es Schlag auf Schlag. Alle strömen in die vorbereiteten Sessionräume, die mit Laptop und Beamer ausgestattet sind. Für jede Session ist eine Zeitstunde eingeplant, in wenigen Minuten findet ein Wechsel nach den Sessions statt. Die Anwesenheit von Teilnehmern mit BarCamp-Erfahrung wie Torsten Larbig und Florian Borns (sicher-dein-web.de) ist äußerst hilfreich. Nach zwei Sitzungsreihen erfolgt eine Mittagspause mit Verköstigung in der Schulmensa. Dort gibt es in lockerer Runde bei Speisen und Getränken weitere Gespräche über die Inhalte und Form der neuen Veranstaltung. Zwei weitere Sitzungsreihen später sitzen wir gegen 16:00 Uhr im Plenum und resümieren. „So ein AbiCamp sollte öfter stattfinden.“ hören wir mehrfach. Insbesondere die vorhandene Zeit und die Aufmerksamkeit für ihre eigenen Belange wird von den Teilnehmern betont wertgeschätzt. Es wird deutlich, dass alle dieses BarCamp mit seiner Offenheit und Medienorientierung zu würdigen wissen. Mit einem kurzen Blick auf die Evaluation des ersten BarCamps reflektieren wir die Vorzüge dieser Sonderveranstaltung. In unserer ersten Erhebung wurden vor allem die Vernetzungsmöglichkeiten und die gute Arbeitsatmosphäre gelobt. Nach Veranstaltungsende helfen alle mit, die Räume und die Pausenhalle wieder in den Ursprungszustand zu versetzen.

Poster AbiCampMein Kollege Robert und ich begegen uns mit technischem Equipment beladen auf dem Gang. „Tolle Sache so ein AbiCamp.“, sagt er „Aber eines ist klar: BarCamps machen Arbeit.“ Und meint damit nicht nur den Aufbau, sondern die Nacharbeit der Themen. Ich stimme ihm zu, aber wir finden beide auch, dass die Arbeit sich lohnt.
Mein Fazit: BarCamps in der Schule sind nicht nur möglich sondern auch äußerst sinnvoll! Hier ist ein Veranstaltungsformat, dass uns eine gezielte Weiterentwicklung der Schulkultur unter motivierender Einbeziehung der Schüler/innen ermöglicht.
Ein lobender Tweet von FBorns: „#rac13 So müssen BarCamps in der Schule sein“ wirkt ermutigend. Rückmeldungen wie diese, das Vertrauen von Unterstützern – wie dem Verein Sicheres-Netz-hilft.de – und besonders das positive Feedback der Schüler geben eine Motivation weiterzumachen. Um das Bild mit der Brausetablette aufzugreifen: Wir haben es kräftig sprudeln lassen. Das nächste Mal werden wir noch gezielter Werbung machen. Vor allem werden mehr Schüler eine konkrete Vorstellung von einem „BarCamp in der Schule“ haben. Mal sehen wie es dann weitergeht mit der ‚Revolution‘.

P.S. Ach ja, den Minecraft-Server vom ersten BarCamp gibt es immer noch. Dort wird jetzt im Internet (unter Betreuung von Maxim und Florian) weitergebaut. Soviel zum Thema „Nachhaltigkeit“.

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Über Thorsten Gross

Lehrer für Philosophie, Ethik, Evang. Religion und Erdkunde, Linux-Admin, Mac-User. Stets im Bemühen OpenSource an der Schule einzubringen und zu verankern.

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